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25.3.2017

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~ Das Märchen von der traurigen Traurigkeit ~

Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlanglief. Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand saß, blieb sie stehen und sah hinunter.

Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Decke mit menschlichen Konturen.

Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: „Wer bist du?“ Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. „Ich? Ich bin die Traurigkeit“, flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war. „Ach die Traurigkeit!“ rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen. „Du kennst mich?“ fragte die Traurigkeit misstrauisch.

„Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“
„Ja aber…“, argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?“
„Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?“
„Ich…, ich bin traurig“, sagte die graue Gestalt.
Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. „Traurig bist du also“, sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. „Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.“
Die Traurigkeit seufzte tief.
„Ach, weißt du“, begann sie zögernd und auch verwundert darüber, dass ihr tatsächlich jemand zuhören wollte, „es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.“
Die Traurigkeit schluckte schwer.
„Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: ‚Papperlapapp, das Leben ist heiter.‘ und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: ‚Gelobt sei, was hart macht.‘ und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: ‚Man muss sich nur zusammenreißen.‘ und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: ‚Nur Schwächlinge weinen.‘ und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.“

„Oh ja“, bestätigte die alte Frau, „solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet…“

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. „Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.“

Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

„Weine nur, Traurigkeit“, flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt.“

Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin:

„Aber…, aber – wer bist eigentlich du?“

„Ich?“ sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd. „Ich bin die Hoffnung.“

Textquelle: http://bit.ly/2mMc0V6

09.08.2016

Alles Hokuspokus – oder doch Realität?

Gelebte Medialität im Alltag

Gibt es Menschen, die Dinge sehen, die andere nicht sehen? Blicken sie nach vorne oder zurück und sehen Dinge, die den meisten verborgen sind? Oder sind wir nicht alle ein bisschen „medial“?  – Ja, sind wir!

Der eine Mensch mehr, der andere weniger. So wie jemand z. B. ein guter Pianist ist, Noten und Klänge selbstverständlich für ihn sind, kann der andere bestimmt auch Klavier spielen, nur hat er einfach keine Affinität dazu.

Aber lässt sich Medialität auch im Alltag integrieren und umsetzen? – Ja, sie lässt sich. Manchmal besser, manchmal schlechter.

Ist die Sensitivität oder Medialität auch nach der Kindheit (Kinder sind alle medial) noch im Vordergrund und wurde nicht durch gesellschaftliche und erzieherische Konventionen verdrängt, dann bedeutet dies oft ein ziemlicher Kampf für die mediale Person. In unserer Gesellschaft ist es recht schwierig, etwas „anders“ zu sein als viele andere Menschen. Dabei ist dieses „anders“ gar nicht so anders, sondern nur eine Erweiterung der Sinne, doch die meisten Menschen haben Angst davor und lassen ihre eigenen Über-Sinne deshalb nicht zu.

Auch ich habe jahrelang versucht, mich ohne großes Aufsehen durch das Leben zu schlängeln. Ereignisse voraus zu sehen, Gedanken anderer Menschen zu hören, in deren Vergangenheit und Gegenwart zu blicken und Kontakt zu Verstorbenen zu haben, ist alles andere als ein gesellschaft-liches Gesprächsthema auf einer Party. Noch. Doch es findet ein Umbruch im Denken, Handeln und Leben statt. Auch wenn in den meisten Köpfen der Menschen noch ein gewisses Bild verankert ist: mediale Menschen laufen Räucherstäbchen schwingend, Glaskugeln umklammernd, barfüßig und in Walla-Walla-Gewändern bekleidet mit leicht verzücktem Blick durch die Einkaufspassagen.

Ich muss immer wieder herzhaft schmunzeln, wenn ich mich dann in gemütlichen Runden „oute“ und die Blicke wahrnehme. Ja, ich nenne es outen. Medialität zu verbergen und zu unterdrücken ist enorm ungesund und teuer. Teuer, weil man unendlich viele Glühbirnen auf dem Gewissen hat, Staubsauger sterben lässt, Bügeleisen entflammt oder alternativ dazu auch gerne mal einem Fön den Garaus macht.

Ach ja und dann waren da noch die vielen Seelen der Verstorbenen, die regelrecht in „Warteschlangen“ mein Haus belagerten. Erklären Sie dies mal ihren Nachbarn.

Nach ersten Erfahrungen in der Kindheit und Jugend war der Tod meiner Mutter vor einigen Jahren mein persönlicher Wieder-Weckruf. Zuerst spürte ich einfach die Anwesenheit meiner Mutter, nahm ihren eigenen Geruch wahr, ich hörte ihre Stimme und sah sie innerlich. Durch die Annahme dieser Kontaktaufnahme öffnete sich erneut mein medialer Sinn, auch für andere Verstorbene.

Jahrelang hatte ich bis dahin versucht, diesen Kanal verschlossen zu halten und auch die vielen „Beweise“, die mir die Verstorbenen lieferten und liefern, zu ignorieren. Schließlich war das ja  unnormal – oder doch nicht?! Trotz der beweiskräftigen Durchsagen in Gesprächen mit den Angehörigen der Verstorbenen, sind die ab und an aufkommenden Zweifel im Bezug auf die eigenen Fähigkeiten immer wieder mein Anker in der Realität.

Bereichernd wurde im Laufe meiner  Arbeit die Erfahrung, dass viele Angehörige, neben dem Kontakt mit den vermeintlich Verstorbenen, auch hellseherische Informationen über ihr jetziges Leben erhalten.

Dennoch: kritische Selbstbetrachtung ist bei der medialen Arbeit der eine Fuß, um sich im Hier und Jetzt  zu erden. Der andere Fuß ist schlichtweg: ein ganz normaler Mensch zu sein. Ich nehme mir nach wie vor das Recht heraus, auch einmal einen schlechten Tag zu haben, zu fluchen, zu schimpfen, zu jammern und das Leben manchmal als ungerecht und schwierig zu empfinden.

Denn eins dürfen wir nie vergessen: auch wenn wir das Licht und die Liebe leben wollen – in erster Linie sind wir hier Menschen mit all unseren Stärken und Schwächen!

In diesem übersinnlichen Sinne -

Ihre Carmen Kaufmann